Wer Bitcoin zum ersten Mal begegnet, sieht meistens vor allem den Preis. Bitcoin steigt, Bitcoin fällt, jemand hat damit viel Geld verdient, jemand anderes viel verloren. Dazu kommen Begriffe wie Blockchain, Mining und Wallets, und spätestens dann ist das Thema für viele erledigt. Mir ging es irgendwann um eine andere Frage: Warum gibt es Bitcoin überhaupt? Genau deshalb finde ich das Buch Der Bitcoin-Standard von Saifedean Ammous so interessant. Es ist für mich weniger ein Buch darüber, wie Bitcoin technisch funktioniert, und schon gar keine Anleitung zum Spekulieren. Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich zunächst mit etwas viel Grundsätzlicherem: unserem Geld. Was ist eigentlich gutes Geld? Warum akzeptieren wir bestimmte Dinge als Zahlungsmittel? Warum war Gold über Jahrtausende wertvoll? Und was unterscheidet unser heutiges Geld auf dem Bankkonto von Gold oder Bitcoin? Ich glaube, dass man Bitcoin wesentlich besser versteht, wenn man sich vorher mit diesen Fragen beschäftigt.
Bevor es Euro und Dollar gab
Geld hat im Laufe der Geschichte sehr unterschiedliche Formen angenommen. Menschen verwendeten unter anderem Muscheln, Perlen, Metalle und sogar große Steine als Zahlungsmittel. Ammous beschreibt beispielsweise die berühmten Rai-Steine auf der Insel Yap. Manche dieser Steinscheiben waren so groß, dass sie bei einem Besitzerwechsel überhaupt nicht bewegt wurden. Die Gemeinschaft wusste einfach, wem welcher Stein gehörte. Das klingt aus heutiger Sicht ziemlich kurios, aber der interessante Punkt dahinter ist ein anderer: Diese Steine waren ursprünglich nur mit erheblichem Aufwand herzustellen und auf die Insel zu transportieren. Gerade diese Schwierigkeit machte sie knapp und damit als Wertaufbewahrungsmittel interessant. Ähnliche Geschichten gab es mit Muscheln oder Glasperlen. Solange sie schwierig zu beschaffen waren, konnten sie als Geld funktionieren. Sobald neue Technologien oder bessere Transportmöglichkeiten dafür sorgten, dass plötzlich große Mengen davon verfügbar waren, verloren sie diese Eigenschaft. Damit kommt das Buch zu einem Gedanken, der sich durch praktisch die gesamte Geschichte zieht: Wie einfach lässt sich neues Geld herstellen?
Weiches Geld und hartes Geld
Das war für mich eines der interessantesten Konzepte des Buches. Ammous unterscheidet zwischen „weichem“ und „hartem“ Geld. Vereinfacht gesagt ist Geld umso härter, je schwieriger es ist, seine vorhandene Menge wesentlich zu erhöhen. Wenn etwas wertvoller wird und daraufhin praktisch unbegrenzt neu produziert werden kann, ist es als langfristiger Wertspeicher problematisch. Die höhere Nachfrage führt einfach dazu, dass immer mehr davon hergestellt wird. Gold hat hier eine besondere Eigenschaft. Selbst wenn sich der Goldpreis verdoppelt, können wir nicht plötzlich doppelt so viel Gold aus der Erde holen. Neue Minen zu erschließen ist teuer und dauert Jahre. Gleichzeitig existiert ein sehr großer Teil des jemals geförderten Goldes noch immer. Genau deshalb konnte sich Gold über sehr lange Zeit als eine Form von hartem Geld durchsetzen.
Warum wir heute kein Gold mehr verwenden
Gold hat allerdings ein offensichtliches Problem: Es ist schwer. Ein Goldbarren eignet sich hervorragend dazu, Vermögen über längere Zeit aufzubewahren. Für meinen täglichen Einkauf ist er dagegen ziemlich unpraktisch. Noch schwieriger wird es, wenn größere Zahlungen über Länder und Kontinente hinweg abgewickelt werden sollen. Deshalb entstanden Banken, Banknoten und schließlich immer komplexere Finanzsysteme. Papiergeld war ursprünglich teilweise ein Anspruch auf tatsächlich hinterlegtes Gold. Statt das Gold selbst zu transportieren, konnten entsprechende Forderungen übertragen werden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde diese Verbindung immer weiter aufgegeben. Unser heutiger Euro ist kein Gutschein, den ich bei der Europäischen Zentralbank gegen eine bestimmte Menge Gold eintauschen könnte.
Wir verwenden sogenanntes Fiatgeld. Das funktioniert im Alltag hervorragend. Ich bekomme mein Geld aufs Konto, bezahle mit Karte oder Smartphone und kann innerhalb von Sekunden Geld überweisen. Trotzdem unterscheidet sich dieses System in einem entscheidenden Punkt von Gold: Die Geldmenge ist nicht durch eine natürliche Knappheit begrenzt. Zentralbanken und das Bankensystem können die Geldmenge beeinflussen und erweitern. Dafür gibt es wirtschaftspolitische Gründe, und unser modernes Finanzsystem ist wesentlich komplizierter, als man es mit dem Satz „die drucken einfach Geld“ erklären könnte. Aber die grundsätzliche Frage bleibt: Was passiert mit meiner Kaufkraft über sehr lange Zeit, wenn die Menge des Geldes wächst? Genau an diesem Punkt wird Bitcoin interessant.
Gold und Bitcoin haben mehr gemeinsam, als ich früher gedacht hätte
Bitcoin existiert nur digital. Gold kann ich dagegen anfassen. Auf den ersten Blick könnten die beiden kaum unterschiedlicher sein. Aus der Perspektive des Buches gibt es aber eine entscheidende Gemeinsamkeit: Knappheit. Bei Bitcoin ist im Protokoll festgelegt, dass maximal 21 Millionen Bitcoin entstehen können. Neue Bitcoin werden durch Mining erzeugt, wobei sich die neu ausgegebene Menge regelmäßig durch das sogenannte Halving reduziert. Niemand kann beschließen, morgen weitere 20 Millionen Bitcoin zu erzeugen, nur weil der Preis gestiegen ist oder mehr Menschen Bitcoin besitzen möchten.
Damit versucht Bitcoin, eine Eigenschaft von Gold in die digitale Welt zu übertragen: hartes Geld, dessen Angebot sich nicht beliebig ausweiten lässt. Gleichzeitig besitzt Bitcoin eine Eigenschaft, bei der Gold große Schwierigkeiten hat. Ich kann Bitcoin weltweit übertragen, ohne einen Goldbarren transportieren zu müssen. Genau diese Kombination fand ich irgendwann wesentlich interessanter als die Frage, ob Bitcoin nächste Woche zehn Prozent steigt oder fällt.
Bitcoin ist deshalb nicht automatisch das bessere Geld
An dieser Stelle sollte man allerdings aufpassen. Der Bitcoin-Standard vertritt eine sehr klare Position. Saifedean Ammous ist ein überzeugter Vertreter von hartem Geld und ausgesprochen kritisch gegenüber unserem heutigen Fiatgeldsystem. Man muss nicht jede seiner Schlussfolgerungen übernehmen. Auch Bitcoin hat offensichtliche Nachteile. Der Kurs schwankt teilweise extrem, die Bedienung ist für Einsteiger noch immer kompliziert und wer seine Bitcoin selbst verwahrt, trägt eine Verantwortung, die viele Menschen von ihrem Bankkonto nicht gewohnt sind.
Und unser heutiges Geldsystem existiert ebenfalls nicht zufällig. Zentralbanken können in Wirtschaftskrisen reagieren und Staaten besitzen mit ihrer Geldpolitik Möglichkeiten, die es bei einer vollkommen starren Geldmenge nicht gäbe. Ob diese Möglichkeiten langfristig mehr Probleme lösen oder verursachen, ist wiederum eine der großen wirtschaftlichen Diskussionen. Gerade deshalb finde ich das Buch interessant. Es zwingt mich nicht dazu, jede Aussage des Autors zu übernehmen. Aber es hat mich dazu gebracht, über Dinge nachzudenken, die ich jahrzehntelang einfach als selbstverständlich betrachtet habe.
Die wichtigste Frage ist für mich nicht der Bitcoin-Kurs
Wenn jemand mich heute fragt, warum ich mich inzwischen so intensiv mit Bitcoin und Krypto beschäftige, würde ich deshalb nicht mit einer Kursprognose anfangen. Ich würde wahrscheinlich fragen: Was ist eigentlich Geld? Woher kommt sein Wert? Warum kann ich heute für 100 Euro weniger kaufen als vor vielen Jahren? Warum hat Gold nach Jahrtausenden noch immer einen Wert? Wer entscheidet darüber, wie viel Geld existiert? Und warum sollte ein digitales Gut, dessen maximale Menge mathematisch begrenzt ist, überhaupt wertvoll sein?
Wer sich mit diesen Fragen beschäftigt, versteht zumindest, warum Bitcoin für manche Menschen weit mehr ist als ein Spekulationsobjekt. Ob man anschließend zu dem Schluss kommt, dass Bitcoin die Zukunft des Geldes ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich war Der Bitcoin-Standard jedenfalls eines jener Bücher, nach denen ich manche Dinge anders betrachtet habe als vorher. Nicht weil es mir erklärt hat, welchen Bitcoin-Kurs ich erwarten soll, sondern weil es mich zunächst dazu gebracht hat, unser heutiges Geldsystem besser verstehen zu wollen. Und genau deshalb würde ich das Buch auch jemandem empfehlen, der bisher überhaupt nichts mit Bitcoin anfangen kann. Vielleicht versteht man danach nicht sofort alles über Bitcoin – aber man versteht wesentlich besser, warum es Bitcoin überhaupt gibt.
Wer das Buch selbst lesen möchte: Die deutsche Ausgabe von Der Bitcoin-Standard von Saifedean Ammous ist derzeit für rund 24 Euro erhältlich. Der Bitcoin-Standard bei Amazon ansehen





