Wann kommt die Tokenisierung – und was kann schiefgehen?
Teil 5 der Serie „Tokenisierung: Was bringt die Zukunft?“
Als ich diese Serie begonnen habe, stand für mich weniger die Frage im Mittelpunkt, ob Tokenisierung technisch möglich ist. Das ist sie schon lange. Mich interessierte vielmehr, wann sie aus einzelnen Versuchen herauswächst und in Bereichen ankommt, die für die meisten Menschen zum normalen Leben gehören. Im ersten Teil der Serie ging es deshalb zunächst darum, was ein Token überhaupt darstellen kann. Danach habe ich mich mit Immobilien und dem Grundbuch, mit Anwendungen vom Auto bis zur Eintrittskarte und schließlich mit tokenisierten Aktien und Wertpapieren beschäftigt. Nach diesen vier Teilen ist mein Eindruck klarer geworden: Die Tokenisierung wird wahrscheinlich nicht an einem bestimmten Tag beginnen. Es wird keinen großen Moment geben, an dem plötzlich Häuser, Aktien, Autos, Garantien und Eintrittskarten gemeinsam auf eine Blockchain umgestellt werden. Die Veränderung wird in vielen kleinen Schritten erfolgen und in einigen Bereichen wesentlich schneller vorankommen als in anderen. Vieles davon werden wir möglicherweise gar nicht bewusst als Tokenisierung wahrnehmen, weil die Technik im Hintergrund verschwindet.
In den nächsten Jahren erwarte ich die größten Fortschritte zunächst in der Finanzwelt und bei digitalen Produktnachweisen. Tokenisierte Aktien, Anleihen und Fonds existieren bereits, auch wenn ihr Anteil am gesamten Finanzmarkt noch klein ist. Die Europäische Union bietet mit dem DLT Pilot Regime seit März 2023 einen rechtlichen Rahmen, in dem zugelassene Betreiber den Handel und die Abwicklung bestimmter tokenisierter Finanzinstrumente erproben können. Die Teilnahme blieb bisher überschaubar, weshalb der Anwendungsbereich erweitert und das System weiterentwickelt werden soll. Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA
Gleichzeitig arbeitet die Europäische Zentralbank mit Pontes an einer Verbindung zwischen DLT-Plattformen und den bestehenden europäischen TARGET-Zahlungssystemen. Damit sollen tokenisierte Finanztransaktionen in Zentralbankgeld abgewickelt werden können. Der erste Start ist weiterhin für das dritte Quartal 2026 vorgesehen, anschließend sollen die Funktionen schrittweise ausgebaut werden. Europäische Zentralbank
Für den normalen Anleger klingt diese Infrastruktur zunächst weit entfernt. Trotzdem halte ich sie für entscheidend. Eine tokenisierte Aktie allein verändert noch nicht viel, solange die Zahlung, Verwahrung und Abwicklung weiterhin über voneinander getrennte Systeme laufen. Erst wenn Wertpapier und Geld innerhalb einer verbundenen Infrastruktur sicher übertragen werden können, entsteht ein wirklicher Vorteil gegenüber dem heutigen Ablauf.
Im Alltag werden in dieser Phase vor allem digitale Produktpässe sichtbarer werden. Das europäische Register für digitale Produktpässe ist seit Juli 2026 in Betrieb. Ab Februar 2027 wird der digitale Produktpass für bestimmte Batterien verpflichtend, darunter Batterien von Elektrofahrzeugen. Weitere Produktgruppen wie Textilien, Reifen, Aluminium, Möbel und bestimmte technische Geräte sollen schrittweise folgen. Europäische Kommission – Digitaler Produktpass
Ein digitaler Produktpass ist noch keine Tokenisierung. Er gibt einem Produkt aber eine eindeutige digitale Identität und verbindet es mit Informationen über Herkunft, Materialien, Reparaturen und Recycling. Wenn zu dieser Identität später ein übertragbarer Eigentumsnachweis, eine Garantie oder ein Nutzungsrecht hinzukommt, ist der Schritt zur Tokenisierung nicht mehr besonders groß.
Bis 2028 werden wir deshalb vermutlich viele digitale Vorstufen sehen. Fahrzeugdokumente, Produktpässe, Garantien und bestimmte Wertpapiere werden stärker digitalisiert und besser miteinander verbunden. Ein Teil davon wird auf einer Blockchain laufen, ein anderer Teil in klassischen Datenbanken. Für mich ist nicht entscheidend, dass überall Blockchain eingesetzt wird. Entscheidend ist, ob ein digitales Recht sicher, überprüfbar und zwischen verschiedenen Beteiligten übertragbar wird.
2028 bis 2032: Tokenisierung kommt im Alltag an
In der darauffolgenden Phase könnte die Technik für Verbraucher deutlicher spürbar werden. Beim Kauf eines gebrauchten Autos wäre es denkbar, dass ich gemeinsam mit dem Fahrzeug einen bestätigten digitalen Nachweis über Besitzerwechsel, Kilometerstände, Wartungen und den Zustand der Batterie erhalte. Beim Weiterverkauf eines hochwertigen Gerätes könnte die verbleibende Garantie automatisch an den Käufer übergehen. Eintrittskarten ließen sich sicher übertragen, ohne dass mehrfach verwendbare Kopien im Umlauf bleiben.
Ich glaube allerdings nicht, dass wir dafür bewusst mit komplizierten Wallet-Adressen oder verschiedenen Blockchain-Netzwerken hantieren werden. Wenn die Tokenisierung im Alltag erfolgreich sein soll, muss sie beinahe unsichtbar werden. Wahrscheinlich befinden sich solche Nachweise in einer Hersteller-App, einer Bankanwendung oder einer digitalen Identitäts-Wallet. Ich sehe dort meine Tickets, Garantien, Mitgliedschaften oder Fahrzeugdokumente und kann sie mit wenigen Schritten übertragen. Welche Infrastruktur im Hintergrund arbeitet, wird für die meisten Nutzer so unwichtig sein wie das technische Protokoll, über das heute eine E-Mail verschickt wird.
Auch bei Geldanlagen dürften tokenisierte Angebote zwischen 2028 und 2032 deutlich zunehmen. Anleihen und Fonds könnten von Anfang an digital ausgegeben werden, statt ein bestehendes Wertpapier erst nachträglich in einen Token zu verpacken. Ausschüttungen, Zinsen und Rückzahlungen könnten automatisch erfolgen. Große Vermögenswerte ließen sich in kleinere Einheiten aufteilen und damit theoretisch für mehr Anleger zugänglich machen.
Ob dieser Markt wirklich so schnell wächst, hängt aus meiner Sicht weniger von der Blockchain als von gemeinsamen Standards ab. Ein Token, der nur innerhalb einer einzigen Plattform funktioniert, bringt kaum mehr Freiheit als ein heutiger geschlossener Anbieter. Wirklich interessant wird es erst, wenn digitale Vermögenswerte zwischen verschiedenen Wallets, Banken und Handelsplätzen übertragen werden können und dabei ihre rechtliche Bedeutung behalten.
Genau an dieser Verbindung könnte die Entwicklung auch scheitern. Unternehmen haben ein Interesse daran, Kunden im eigenen System zu halten. Staaten verwenden unterschiedliche Register und Gesetze. Blockchains unterscheiden sich technisch voneinander. Wenn jede Bank, jede Behörde und jeder Hersteller ein eigenes System aufbaut, entsteht kein gemeinsames digitales Eigentumsnetz, sondern lediglich eine neue Sammlung voneinander getrennter Plattformen.
2032 bis 2040: Immobilien und staatliche Register folgen später
Bei Immobilien, Grundbuch, Erbschaften und anderen staatlich geregelten Eigentumsrechten rechne ich mit einem wesentlich längeren Zeitraum. Technisch lässt sich eine Wohnung schon heute in Tausende Token aufteilen. Rechtlich bleibt aber entscheidend, wer im Grundbuch steht und welches Recht der Token tatsächlich verkörpert.
Ich halte es deshalb für wahrscheinlicher, dass Blockchains staatliche Register zunächst ergänzen und nicht ersetzen. Ein Token könnte eine Beteiligung an einer Gesellschaft darstellen, der eine Immobilie gehört. Kaufpreiszahlungen, Ausschüttungen und Eigentumsübertragungen könnten technisch unterstützt werden, während das Grundbuch weiterhin das rechtlich maßgebliche Register bleibt.
Erst wenn Gesetze ausdrücklich anerkennen, dass ein Token selbst ein Eigentumsrecht überträgt, wäre ein grundlegender Wandel möglich. Dafür müssten auch schwierige Fälle geklärt werden: Erbschaften, Scheidungen, Pfändungen, Hypotheken, gerichtliche Rückabwicklungen und verlorene Zugänge. Eine Immobilie kann nicht endgültig verloren sein, nur weil ein privater Schlüssel fehlt. Ebenso kann ein gestohlener Token nicht automatisch bedeuten, dass der Dieb rechtmäßiger Eigentümer eines Hauses geworden ist.
Bis 2040 kann ich mir daher eine Mischung aus staatlichem Register, digitaler Identität und programmierbaren Rechten vorstellen. Ob das klassische Grundbuch vollständig verschwindet, bezweifle ich. Möglicherweise verändert sich vor allem seine technische Form. Die Blockchain könnte dabei ein Teil der Infrastruktur sein, ohne selbst zur einzigen rechtlichen Wahrheit zu werden.
Diese Zeiträume sind keine sichere Prognose. Finanzprodukte können sich schneller verändern als Grundbuchrecht oder Erbrecht. Ein digitaler Produktpass lässt sich leichter einführen als ein völlig neues staatliches Eigentumssystem. Außerdem können politische Entscheidungen, Sicherheitsprobleme oder fehlende gemeinsame Standards die Entwicklung erheblich verzögern.
Der Token kann mehr versprechen, als er tatsächlich hält
Das größte Risiko sehe ich weiterhin in der Verbindung zwischen Token und realem Recht. Ein Token kann technisch einwandfrei funktionieren und trotzdem nur ein schwaches oder kaum durchsetzbares Versprechen darstellen. Bei einer tokenisierten Aktie muss geklärt sein, ob ich tatsächlich einen Anspruch auf die hinterlegte Aktie besitze, wie Dividenden behandelt werden und was bei einer Insolvenz des Herausgebers geschieht. Bei einer Immobilie muss klar sein, ob ich Miteigentümer bin, einen Anteil an einer Gesellschaft halte oder dem Projektbetreiber lediglich Geld geliehen habe.
Die Blockchain überprüft diese rechtliche Verbindung nicht selbst. Sie dokumentiert nur, welcher Token an welche Adresse übertragen wurde. Ob der Herausgeber die versprochenen Aktien tatsächlich verwahrt oder ob eine Immobilie unbelastet ist, muss weiterhin außerhalb der Blockchain kontrolliert werden. Genau dort liegt das sogenannte Oracle-Problem: Ein digitales System kann externe Informationen nur übernehmen, wenn eine vertrauenswürdige Stelle sie bereitstellt.
Für mich bedeutet das, dass der technische Nachweis niemals allein ausreichen wird. Ich möchte wissen, welches Recht der Token verkörpert, wer dafür haftet und ob der Anspruch im Streitfall vor einem Gericht durchsetzbar ist. Ein professionell aussehendes Dashboard und ein auf einer Blockchain sichtbarer Token beantworten diese Fragen nicht.
Besonders bei kleineren Projekten dürfte die Bezeichnung „tokenisiert“ künftig auch als Verkaufsargument verwendet werden. Eine gewöhnliche Unternehmensbeteiligung, ein Darlehen oder ein riskantes Immobilienprojekt wirkt moderner, sobald daraus ein Token gemacht wird. Die wirtschaftliche Qualität des dahinterliegenden Vermögenswertes verbessert sich dadurch jedoch nicht. Eine schlechte Immobilie bleibt eine schlechte Immobilie, eine überschuldete Firma bleibt überschuldet und ein wertloses Sammlerstück wird nicht wertvoll, nur weil seine Eigentumsverhältnisse auf einer Blockchain gespeichert sind.
Programmierbarkeit kann Freiheit schaffen – oder Kontrolle verstärken
Eine der größten Chancen der Tokenisierung ist ihre Programmierbarkeit. Ein Ticket kann so gestaltet werden, dass es sicher weitergegeben werden darf, ohne auf einem grauen Markt mehrfach verkauft zu werden. Eine Anleihe kann Zinsen automatisch auszahlen. Eine Garantie kann gemeinsam mit dem Produkt an den nächsten Besitzer übertragen werden.
Dieselbe Technik kann Übertragungen aber auch einschränken. Ein Token könnte nur an bestimmte Wallets gesendet, in einzelnen Ländern gesperrt oder auf Anordnung eines Betreibers eingefroren werden. Ein Veranstalter könnte nicht nur überhöhte Ticketpreise verhindern, sondern jeden Weiterverkauf vollständig kontrollieren. Ein Hersteller könnte bei einem gebrauchten Gerät festlegen, welche Funktionen der neue Besitzer weiterhin verwenden darf.
Tokenisierung führt deshalb nicht automatisch zu Dezentralisierung. Viele Systeme werden vermutlich auf einer Blockchain laufen und trotzdem von einem Unternehmen, einer Bank oder einer Behörde kontrolliert. Technisch kann ein Nutzer den Token in seiner eigenen Wallet halten, während der Herausgeber weiterhin entscheidet, ob Übertragungen erlaubt sind oder bestimmte Funktionen gesperrt werden.
Ich sehe darin nicht ausschließlich einen Nachteil. Bei gestohlenen Wertpapieren oder verlorenen Zugängen braucht es eine Möglichkeit, Vermögenswerte zu sperren und neu auszugeben. Bei einer gerichtlichen Entscheidung muss ein System korrigierbar bleiben. Die entscheidende Frage wird sein, wer solche Eingriffe veranlassen darf, nach welchen Regeln sie erfolgen und ob der Betroffene sich dagegen wehren kann.
Verlust, Diebstahl und fehlerhafte Programme
Bei Kryptowährungen gilt häufig der Grundsatz, dass derjenige über einen Vermögenswert verfügt, der den privaten Schlüssel kontrolliert. Für alltägliche Eigentumsrechte lässt sich dieses Prinzip kaum vollständig übernehmen. Niemand wird akzeptieren, dass eine Wohnung, ein Auto oder ein Wertpapierbestand endgültig verloren ist, weil ein Smartphone gestohlen oder eine Sicherung falsch aufbewahrt wurde.
Alltagstaugliche Systeme werden deshalb Möglichkeiten zur Wiederherstellung benötigen. Identitäten müssen bestätigt, gestohlene Zugänge gesperrt und Token möglicherweise ersetzt werden können. Damit entstehen neue zentrale Stellen und neue Angriffspunkte. Kriminelle könnten versuchen, nicht nur Wallets zu stehlen, sondern auch Wiederherstellungsverfahren zu manipulieren.
Hinzu kommen Fehler in Smart Contracts. Ein Programm führt die Regeln aus, die tatsächlich einprogrammiert wurden – nicht unbedingt jene, die die Beteiligten beabsichtigt haben. Ein kleiner Fehler kann Zahlungen blockieren, falsche Beträge verteilen oder Angreifern Zugriff auf Vermögenswerte ermöglichen. Je stärker verschiedene Anwendungen miteinander verbunden sind, desto weiter können sich solche Probleme ausbreiten.
Bei einer einfachen Garantie wäre ein Fehler ärgerlich. Bei tokenisierten Wertpapieren, Krediten und Zahlungsmitteln könnte er erhebliche finanzielle Folgen haben. Die automatische Ausführung ist deshalb gleichzeitig Stärke und Risiko. Weniger manuelle Eingriffe bedeuten schnellere Abläufe, aber möglicherweise auch weniger Zeit, um einen Fehler vor seiner Ausführung zu erkennen.
Transparenz und Datenschutz passen nicht automatisch zusammen
Blockchains werden häufig mit Transparenz verbunden. Transaktionen lassen sich nachvollziehen und nachträgliche Veränderungen sind schwierig. Bei Finanzmärkten kann das Vertrauen schaffen. Bei persönlichen Eigentumsrechten kann dieselbe Transparenz problematisch werden.
Wenn meine Wallet mit meiner Identität verbunden ist und dort Aktien, Immobilienanteile, Tickets, Mitgliedschaften und hochwertige Gegenstände sichtbar sind, entsteht ein sehr detailliertes Bild meines Lebens. Selbst wenn auf der Blockchain nur Adressen stehen, können einzelne Transaktionen diese Adressen irgendwann einer Person zuordnen. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich möglicherweise ein großer Teil der bisherigen Historie nachvollziehen.
Ein sinnvolles System darf deshalb nicht einfach alle Informationen dauerhaft öffentlich speichern. Es braucht unterschiedliche Zugriffsrechte. Eine Werkstatt muss bestimmte Fahrzeugdaten sehen können, aber nicht meinen gesamten Besitz. Ein Veranstalter muss prüfen können, ob mein Ticket gültig ist, ohne alle anderen Veranstaltungen zu kennen, die ich besucht habe. Eine Behörde benötigt im rechtlich vorgesehenen Fall Zugriff, während ein beliebiger Dritter ausgeschlossen bleiben muss.
Für mich wird der Datenschutz zu einem der entscheidenden Punkte. Tokenisierung darf nicht bedeuten, dass jedes Eigentums- und Nutzungsrecht dauerhaft zu einer öffentlich auswertbaren Spur wird. Die technischen Möglichkeiten für selektive Nachweise existieren. Ob sie konsequent eingesetzt werden, hängt aber von den Interessen der Betreiber und den gesetzlichen Vorgaben ab.
Aus neuen Märkten kann neue Spekulation entstehen
Die Aufteilung großer Vermögenswerte in kleine digitale Einheiten wird häufig als Demokratisierung bezeichnet. Menschen könnten mit kleinen Beträgen in Immobilien, Kunstwerke, Oldtimer oder andere bisher schwer zugängliche Werte investieren. Das kann tatsächlich neue Möglichkeiten schaffen.
Es kann aber auch dazu führen, dass immer mehr Dinge zu handelbaren Spekulationsobjekten werden. Eine Konzertkarte, eine Flasche Wein oder ein Anteil an einem Sammlerstück erhält plötzlich einen ständig sichtbaren Marktpreis. Plattformen verdienen an jeder Transaktion und haben deshalb ein Interesse an möglichst häufigem Handel. Der praktische Zweck des ursprünglichen Gegenstandes tritt dabei möglicherweise in den Hintergrund.
Auch die versprochene Liquidität darf nicht mit tatsächlicher Nachfrage verwechselt werden. Ein Token kann technisch rund um die Uhr handelbar sein, ohne dass sich zu einem vernünftigen Preis ein Käufer findet. Besonders bei kleinen Immobilienprojekten oder ungewöhnlichen Sammlerstücken kann der Markt sehr dünn sein. Der digitale Handel macht einen schwer verkäuflichen Vermögenswert nicht automatisch liquide.
Der internationale Finanzstabilitätsrat kommt zu dem Ergebnis, dass die Tokenisierung des Finanzsystems bisher noch klein ist, aber wächst. Gleichzeitig nennt er mögliche Risiken durch Liquiditätsprobleme, Verschuldung, die zunehmende Verbindung verschiedener Märkte und technische Störungen. Sollten tokenisierte Märkte stark wachsen, könnten Schwierigkeiten in einem System schneller auf andere Bereiche übergreifen. Financial Stability Board
Nicht alles braucht eine Blockchain
Nach der Beschäftigung mit der gesamten Serie ist dieser Punkt für mich noch wichtiger geworden. Eine Blockchain kann sinnvoll sein, wenn mehrere unabhängige Beteiligte gemeinsame Daten und Rechte verwalten, ohne sich vollständig auf eine einzelne Stelle verlassen zu wollen. Sie kann Übertragungen nachvollziehbar machen, Abläufe automatisieren und digitale Werte zwischen verschiedenen Systemen beweglicher machen.
Wenn ein Unternehmen ohnehin sämtliche Daten kontrolliert und niemand außerhalb seiner Plattform darauf zugreifen muss, kann eine herkömmliche Datenbank jedoch einfacher, schneller und günstiger sein. Ein digitaler Produktpass, eine Garantie oder ein Fahrzeugregister ist nicht automatisch besser, nur weil dafür eine Blockchain verwendet wird.
Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass irgendwann „alles auf der Blockchain“ liegt. Wahrscheinlicher ist eine Mischung verschiedener Technologien. Manche Werte werden als echte Token übertragen. Andere Systeme verwenden Blockchains nur für bestimmte Nachweise. Wieder andere bleiben klassische Datenbanken, werden aber über standardisierte Schnittstellen miteinander verbunden.
Die Europäische Kommission beschreibt DLT und Tokenisierung als mögliche Grundlage eines „Internet of Value“, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass noch offen ist, wie vollständig diese Vision tatsächlich umgesetzt wird. Europäische Kommission
Meine Einschätzung nach fünf Teilen
Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Tokenisierung in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Die Entwicklung hat bereits begonnen: bei Wertpapieren, der Abwicklung von Finanzgeschäften, digitalen Produktpässen und ersten übertragbaren Nachweisen. Bis 2030 werden viele dieser Anwendungen aus der Versuchsphase herauskommen. Für die meisten Menschen wird die Technik trotzdem noch nicht überall sichtbar sein.
Zwischen 2030 und 2035 könnte sie stärker in den Alltag einziehen. Garantien, Fahrzeugdaten, Tickets, Lizenzen und bestimmte Eigentumsnachweise werden sich wahrscheinlich einfacher übertragen lassen. Tokenisierte Aktien, Anleihen und Fonds könnten neben dem klassischen Depot zu einem normalen Bestandteil des Finanzmarktes werden. Staatlich geregelte Bereiche wie Grundbuch, Erbschaften und umfassende Eigentumsregister dürften dagegen erheblich länger brauchen.
Mein ursprünglicher Gedanke war: Wenn die Technik grundsätzlich funktioniert, wann geht es dann wirklich los? Nach dieser Serie würde ich die Antwort etwas anders formulieren. Es geht bereits los, aber nicht als große Umstellung, die an einem bestimmten Tag sichtbar wird. Die einzelnen Bausteine entstehen gerade an verschiedenen Stellen. Erst wenn digitale Identitäten, rechtlich anerkannte Token, Zahlungsmittel, Register und benutzerfreundliche Wallets miteinander verbunden sind, werden wir den größeren Wandel erkennen.
Ob diese Entwicklung am Ende mehr Freiheit, bessere Eigentumsrechte und effizientere Märkte bringt, hängt nicht allein von der Technik ab. Entscheidend ist, wer die Systeme kontrolliert, welche Rechte ein Token tatsächlich verkörpert und wie Fehler korrigiert werden können. Ebenso wichtig bleibt die Frage, ob eine Anwendung ein reales Problem löst oder nur ein weiteres Spekulationsprodukt schafft.
Für mich liegt die Zukunft deshalb nicht darin, möglichst alles zu tokenisieren. Interessant wird die Technologie dort, wo ein digitaler Nachweis genauso verlässlich wird wie das dahinterstehende Recht und sich dieses Recht einfacher, sicherer und transparenter übertragen lässt. Wenn das gelingt, wird die Blockchain im Alltag wahrscheinlich gerade dadurch erfolgreich, dass wir sie kaum noch bemerken.
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